Nachfrage nach Beratung
Die Tätigkeitsfelder
der Schulsozialarbeit wurden mit Beginn des Projektes absichtlich weit
definiert. So umfassen die Aufgaben der Schulsozialarbeit die sozialarbeiterischen/sozialpädagogischen
Felder der Individualhilfe (insbes. Beratung und Betreuung von Schüler/innen
bei persönlichen, schulischen und familiären Problemen), Gruppenarbeit
(insbes. Mitarbeit an schulischen Generalthemen wie Sucht- und Gewaltprävention,
Mithilfe bei der Elternarbeit) und Gemeinwesenarbeit (insbes. freizeitpädagogische
Angebote, Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit). Doch bereits nach
fünf Monaten begleitender Evaluation zeigte sich, dass insbesondere
die Individualhilfe in Anspruch genommen wurde: 438 Beratungsgespräche
wurden geführt, was mehr als zwei Stunden täglich entspricht.
In 202 der Beratungsgespräche wurde mindestens ein Folgegespräch
mit einer weiteren Person (z.B. Elternteil) geführt, d.h., es gelang
der Schulsozialarbeit, einen Hilfsprozess zu initiieren oder zu koordinieren.
Dabei ist bemerkenswert, dass die Gesprächspartner/innen fast zur
Hälfte die Lehrkräfte selbst waren. Die Schüler/innen suchten
bei der Schulsozialarbeit Rat zu Problemen wie Leistungsanspruch der Schule,
Gewalt in der Schule, Probleme der Persönlichkeitsentwicklung (z.B.
Essstörungen, Suizid) und Probleme in der Familie (insbes. Gewalt
in der Familie). Bei den Erstkontaktgesprächen mit Lehrkräften
standen folgende Themen im Vordergrund: Schwierigkeiten mit einzelnen Schüler/innen
(insbes. deren Sozialverhalten), Schwierigkeiten und offene Fragen in der
Zusammenarbeit mit der Klasse.
Befragung der Lehrkräfte
Auf die Frage nach der
Wahrnehmung und Akzeptanz der Schulsozialarbeit bei den Lehrkräften
erbrachte die schriftliche Befragung aller Lehrkräfte (Rücklaufquote
60%) folgende Erkenntnisse:
– Die Angebote der Schulsozialarbeit
werden von 52% der Lehrkräfte der WBS regelmässig oder gelegentlich
genutzt. Dabei gilt: Je höher der Beschäftigungsgrad, umso intensiver
ist die Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeit.
– Die Schulsozialarbeit
zählt für
die Lehrkräfte zur
wichtigen Ansprechpartnerin, wenn es um Probleme mit schwierigen Schüler/innen
geht (als «wichtiger» bezeichnete Ansprechpartner: Eltern der
Kinder und Lehrkräfte der Stammgruppe, als «weniger wichtig»
bezeichnete Ansprechpartner: Schulhausleitung oder andere Kollegin/Kollege).
– Krisenintervention, Abklären
von Gefährdungsmeldungen und Elternarbeit sind die Bereiche, in denen
sich die Lehrkräfte prinzipiell eine Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeit
vorstellen können.
– Schulsozialarbeit wird
von den Lehrkräften wahrgenommen als eine weitgehend eigenständig
agierende Institution mit grossem Problembewusstsein und hoher Sachkompetenz,
die zielgruppenorientiert Interventions- und Beratungsleistungen anbietet
sowie massgeblich zur Verbesserung des Schulhausklimas beiträgt. Schulsozialarbeit
wird von den Lehrkräften nicht als Konkurrenz um Anerkennung bei den
Schülerinnen und Schülern angesehen.
Perspektive
Aus der Vielzahl von Empfehlungen,
die im Zusammenhang mit den Evaluationsergebnissen herausgearbeitet wurden,
sollen hier drei kurz erwähnt werden:
– Schulsozialarbeit leistet
nicht nur aus Sicht der Jugendhilfe, sondern auch aus Sicht der Institution
Schule einen wichtigen Beitrag zur interdisziplinären Problemlösung
im Schulalltag. Insbesondere daraus resultiert die Empfehlung, die Zusammenarbeit
zwischen Justiz- und Erziehungsdepartement zu intensivieren und zu institutionalisieren.
Pro Schulstandort (unabhängig von der Schulstufe) auf die Dienstleistungen
mindestens einer Sozialarbeiterin / eines Sozialarbeiters zurückgreifen
zu können, wäre langfristig wünschenswert.
– Schulsozialarbeit sollte
den Bereich der Primärprävention ausbauen. Gerade durch die Mitwirkung
an Schulausflügen, schulhausübergreifenden Anlässen oder
dem (im Konzept der WBS festgeschriebenen) Aufbau von Schülerräten
erreicht die Schulsozialarbeit auch solche Jugendliche, die bisher nicht
erreicht wurden, weil sie den Schritt auf die Sozialarbeiter/in als zu
hochschwellig empfanden.
– Themen wie Essstörungen
oder Suizid fordern keineswegs nur sozialpädagogische Methoden, sondern
verlangen eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Helferorganisationen,
die ebenfalls vor Ort tätig sind, wie z.B. dem Schulärztlichen
Dienst. Damit wird die Vernetzung dieser Einrichtungen untereinander zum
Wohle des Jugendlichen zu einer zentralen Herausforderung auch schulsozialarbeiterischen
Schaffens.
Erna Rohrer, Erwin Götzmann,
David Ruesch, Andreas Schmid (SchulsozialarbeiterInnen)
Claudine Stäger, Matthias
Drilling (EvaluatorIn)
Mit dem Konzept «Schulsozialarbeit» und 2,25 Sozialarbeiterstellen begann im September 1997 das Pilotprojekt an der eben erst eröffneten Weiterbildungsschule. Mit den Leitideen des Konzeptes vor Augen und dem Willen, das Beste daraus zu machen, begannen eine Sozialarbeiterin und zwei Sozialarbeiter ihre Tätigkeit an der WBS mit einer Vorstellungsrunde in den Lehrerkonferenzen und den einzelnen Klassen. Gleichzeitig mussten die räumlichen und arbeitsmässigen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit erst noch geschaffen werden: Raum- und Infrastrukturfragen wurden während dieser schwierigen Aufbauphase gelöst, was nicht immer auf Anhieb und zur Zufriedenheit aller gelang. Dank der Flexibilität und dem Willen aller Beteiligten, dem Pilotprojekt zum Durchbruch zu verhelfen, konnte die Arbeit dennoch erfolgreich in Angriff genommen werden. Dadurch konnten die Präsenzzeiten in den einzelnen Schulhäusern verlängert werden. Ebenso wurden die räumlichen und infrastrukturellen Bedingungen verbessert. Heute – nach etwas mehr als einem Jahr – liegt der erste Zwischenbericht der Evaluation vor, und wir sind stolz über die hohe Akzeptanz und den Stellenwert, deren sich die Schulsozialarbeit schon nach kurzer Zeit bei Lehrkräften und Schüler/innen erfreut. Sie ist zu einer anerkannten Institution mit grossem Problembewusstsein und hoher Sachkompetenz geworden und trägt damit massgeblich zur Verbesserung des Schulhausklimas bei. Wir sind überzeugt, nach Ablauf der zweijährigen Pilotphase die Schulsozialarbeit an der WBS institutionalisieren zu können.
Hanspeter Ruch, Konrektor
WBS