Sozialarbeit an der WBS - Zwischenergebnisse

Mit der Einführung der Weiterbildungsschule WBS im Kanton Basel-Stadt zum Schuljahr 1997/98 realisierten das Justiz- und das Erziehungsdepartement Basel-Stadt das Pilotprojekt Schulsozialarbeit. Eine Sozialarbeiterin und zwei (seit November 1998 drei) Sozialarbeiter bieten seither an den sechs Schulstandorten der WBS den rund 2500 Schüler/innen, ihren Eltern sowie 300 Lehrkräften ihre Dienstleistungen an. Langfristig – so die leitende These – werden sich durch eine derartige Präventionsarbeit einerseits die Marginalisierung und Aussonderung gefährdeter Jugendlicher (und ihre Überweisung an die Instanzen der Jugendhilfe) auffangen lassen und andererseits kann ein Beitrag zur Schaffung eines verbesserten Schulhausklimas geleistet werden.

Nachfrage nach Beratung
Die Tätigkeitsfelder der Schulsozialarbeit wurden mit Beginn des Projektes absichtlich weit definiert. So umfassen die Aufgaben der Schulsozialarbeit die sozialarbeiterischen/sozialpädagogischen Felder der Individualhilfe (insbes. Beratung und Betreuung von Schüler/innen bei persönlichen, schulischen und familiären Problemen), Gruppenarbeit (insbes. Mitarbeit an schulischen Generalthemen wie Sucht- und Gewaltprävention, Mithilfe bei der Elternarbeit) und Gemeinwesenarbeit (insbes. freizeitpädagogische Angebote, Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit). Doch bereits nach fünf Monaten begleitender Evaluation zeigte sich, dass insbesondere die Individualhilfe in Anspruch genommen wurde: 438 Beratungsgespräche wurden geführt, was mehr als zwei Stunden täglich entspricht. In 202 der Beratungsgespräche wurde mindestens ein Folgegespräch mit einer weiteren Person (z.B. Elternteil) geführt, d.h., es gelang der Schulsozialarbeit, einen Hilfsprozess zu initiieren oder zu koordinieren. Dabei ist bemerkenswert, dass die Gesprächspartner/innen fast zur Hälfte die Lehrkräfte selbst waren. Die Schüler/innen suchten bei der Schulsozialarbeit Rat zu Problemen wie Leistungsanspruch der Schule, Gewalt in der Schule, Probleme der Persönlichkeitsentwicklung (z.B. Essstörungen, Suizid) und Probleme in der Familie (insbes. Gewalt in der Familie). Bei den Erstkontaktgesprächen mit Lehrkräften standen folgende Themen im Vordergrund: Schwierigkeiten mit einzelnen Schüler/innen (insbes. deren Sozialverhalten), Schwierigkeiten und offene Fragen in der Zusammenarbeit mit der Klasse.

Befragung der Lehrkräfte
Auf die Frage nach der Wahrnehmung und Akzeptanz der Schulsozialarbeit bei den Lehrkräften erbrachte die schriftliche Befragung aller Lehrkräfte (Rücklaufquote 60%) folgende Erkenntnisse:
– Die Angebote der Schulsozialarbeit werden von 52% der Lehrkräfte der WBS regelmässig oder gelegentlich genutzt. Dabei gilt: Je höher der Beschäftigungsgrad, umso intensiver ist die Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeit.
– Die Schulsozialarbeit zählt für
die Lehrkräfte zur wichtigen Ansprechpartnerin, wenn es um Probleme mit schwierigen Schüler/innen geht (als «wichtiger» bezeichnete Ansprechpartner: Eltern der Kinder und Lehrkräfte der Stammgruppe, als «weniger wichtig» bezeichnete Ansprechpartner: Schulhausleitung oder andere Kollegin/Kollege).
– Krisenintervention, Abklären von Gefährdungsmeldungen und Elternarbeit sind die Bereiche, in denen sich die Lehrkräfte prinzipiell eine Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeit vorstellen können.
– Schulsozialarbeit wird von den Lehrkräften wahrgenommen als eine weitgehend eigenständig agierende Institution mit grossem Problembewusstsein und hoher Sachkompetenz, die zielgruppenorientiert Interventions- und Beratungsleistungen anbietet sowie massgeblich zur Verbesserung des Schulhausklimas beiträgt. Schulsozialarbeit wird von den Lehrkräften nicht als Konkurrenz um Anerkennung bei den Schülerinnen und Schülern angesehen.

Perspektive
Aus der Vielzahl von Empfehlungen, die im Zusammenhang mit den Evaluationsergebnissen herausgearbeitet wurden, sollen hier drei kurz erwähnt werden:
– Schulsozialarbeit leistet nicht nur aus Sicht der Jugendhilfe, sondern auch aus Sicht der Institution Schule einen wichtigen Beitrag zur interdisziplinären Problemlösung im Schulalltag. Insbesondere daraus resultiert die Empfehlung, die Zusammenarbeit zwischen Justiz- und Erziehungsdepartement zu intensivieren und zu institutionalisieren. Pro Schulstandort (unabhängig von der Schulstufe) auf die Dienstleistungen mindestens einer Sozialarbeiterin / eines Sozialarbeiters zurückgreifen zu können, wäre langfristig wünschenswert.
– Schulsozialarbeit sollte den Bereich der Primärprävention ausbauen. Gerade durch die Mitwirkung an Schulausflügen, schulhausübergreifenden Anlässen oder dem (im Konzept der WBS festgeschriebenen) Aufbau von Schülerräten erreicht die Schulsozialarbeit auch solche Jugendliche, die bisher nicht erreicht wurden, weil sie den Schritt auf die Sozialarbeiter/in als zu hochschwellig empfanden.
– Themen wie Essstörungen oder Suizid fordern keineswegs nur sozialpädagogische Methoden, sondern verlangen eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Helferorganisationen, die ebenfalls vor Ort tätig sind, wie z.B. dem Schulärztlichen Dienst. Damit wird die Vernetzung dieser Einrichtungen untereinander zum Wohle des Jugendlichen zu einer zentralen Herausforderung auch schulsozialarbeiterischen Schaffens.

Erna Rohrer, Erwin Götzmann, David Ruesch, Andreas Schmid (SchulsozialarbeiterInnen)
Claudine Stäger, Matthias Drilling (EvaluatorIn)

Mit dem Konzept «Schulsozialarbeit» und 2,25 Sozialarbeiterstellen begann im September 1997 das Pilotprojekt an der eben erst eröffneten Weiterbildungsschule. Mit den Leitideen des Konzeptes vor Augen und dem Willen, das Beste daraus zu machen, begannen eine Sozialarbeiterin und zwei Sozialarbeiter ihre Tätigkeit an der WBS mit einer Vorstellungsrunde in den Lehrerkonferenzen und den einzelnen Klassen. Gleichzeitig mussten die räumlichen und arbeitsmässigen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit erst noch geschaffen werden: Raum- und Infrastrukturfragen wurden während dieser schwierigen Aufbauphase gelöst, was nicht immer auf Anhieb und zur Zufriedenheit aller gelang. Dank der Flexibilität und dem Willen aller Beteiligten, dem Pilotprojekt zum Durchbruch zu verhelfen, konnte die Arbeit dennoch erfolgreich in Angriff genommen werden. Dadurch konnten die Präsenzzeiten in den einzelnen Schulhäusern verlängert werden. Ebenso wurden die räumlichen und infrastrukturellen Bedingungen verbessert. Heute – nach etwas mehr als einem Jahr – liegt der erste Zwischenbericht der Evaluation vor, und wir sind stolz über die hohe Akzeptanz und den Stellenwert, deren sich die Schulsozialarbeit schon nach kurzer Zeit bei Lehrkräften und Schüler/innen erfreut. Sie ist zu einer anerkannten Institution mit grossem Problembewusstsein und hoher Sachkompetenz geworden und trägt damit massgeblich zur Verbesserung des Schulhausklimas bei. Wir sind überzeugt, nach Ablauf der zweijährigen Pilotphase die Schulsozialarbeit an der WBS institutionalisieren zu können.

Hanspeter Ruch, Konrektor WBS