![]() |
Tagungsbericht: "Boys Will Be Boys & Girls Just Wanna Have Fun" Zur geschlechtsspezifischen Produktion und Rezeption populärer Musik.
Tagung vom 14.-16. November 1997 in Freudenstadt
Eine internationale und breitgefächerte Schar von Teilnehmerinnen fand sich während dreier Tage in der Fritz Erler Akademie Freudenstadt zu einer facettenreichen Tagung zusammen.1
Daß es sich um kein rein akademisches Publikum handelte, erwies sich in den Diskussionen als sehr fruchtbar. Neben FachvertreterInnen der Musikwissenschaft, EKW und Volkskunde waren beispielsweise auch die Medien (Radio und eine Frauen-Musik-Zeitschrift) und kulturelle Institutionen wie ein Frauenmusikzentrum oder ein Frauenmusikarchiv vertreten. Die 11 ReferentInnen und 28 Teilnehmenden verband das Interesse an populärer Musik, sei es als ForscherInnen, Medienschaffende, Engagierte in Kulturprojekten, als MusikerInnen oder mehreres zugleich.
Das Spektrum der Referate war sehr breit: Theorie und Empirie, Fragen der Rezeption und der Produktion von populärer Musik, qualitative und quantitative Forschungen. Die Beiträge waren so über die drei Tage verteilt und mit Pausen aufgelockert, daß der Stoff verdaubar blieb: Empirische Beispiele und Diskussionen ermöglichten es immer wieder, das Theoretische in einen anschaulichen Zusammenhang zu stellen.
Die beiden Referate theoretischen Inhaltes stammten von Mitarbeiterinnen des Forschungszentrums populäre Musik der Humboldt-Universität Berlin. Monika Bloß ging auf Möglichkeiten der Interdisziplinarität und feministischer Methodologie bei der Untersuchung von Geschlechterverhältnissen in der Popmusikforschung ein: Interdisziplinarität darf nicht bloße Verschleierungstaktik sein. um die etablierten Disziplinen unangetastet zu lassen. Gefordert ist vielmehr ein Denken in Korrelationen. Monika Bloß ist skeptisch gegenüber einer Geschlechtsspezifik des musikalischen Ausdrucks: Geschlechterforschung muß die Instabilität des Konstruktes Geschlecht im Hinterkopf behalten, um über die Zementierung des binären Systems hinwegzukommen. Vor allem die dekonstruktivistischen Theorien Judith Butlers gaben Anlaß zu einer fruchtbaren Diskussion unter den buntgemischten TeilnehmerInnen. Susanne Binas stellte das Verhältnis zwischen Jugendkultur, Subkultur und Kommerzialisierung des Pop ins Zentrum ihres Beitrags. Techno ist keine Subkultur, aber auch das Etikett der reinen Konsumkids ist zu blaß für die Technokultur und kann sie nicht erfassen. Genauso ist Rock und Pop nicht nur ein Faszinosum für Jugendliche in der Adoleszenz, sondern hat sich zu einem breiten kulturellen Phänomen entwickelt, welchem die Jugendkulturforschung allein nicht gerecht werden kann.
Der Aspekt der Rezeption von Popmusik war Thema der beiden Workshops "Medienrezeption Jugendlicher" und "Subjekte und Objekte des Fantums". Im ersteren wurde über zwei größere Projekte, die sich unterschiedlicher Methoden bedienen, berichtet: Ute Bechdolf (LUI Tübingen) stellte ihre qualitative Arbeit über die Rezeption von Musikvideos vor. Es ging um die Frage, ob weibliche und männliche Jugendliche Videoclips auf unterschiedliche Weise wahrnehmen. Im Zentrum stand die Re- und Dekonstruktion von Bildern der Zweigeschlechtlichkeit. Thomas Münch (Fach Musik / Auditive Kommunikation Oldenburg) gab einen Einblick in eine quantitative Studie über die Rolle des Radios in der Adoleszenz. Das ausgiebige Material wurde auf seine Geschlechtsspezifik hin befragt. Hörfunk wird dabei als Sozialisierungsinstanz verstanden: Jugendliche wählen sich ihre Sozialisationsbedingungen, soweit dies möglich ist, selbst aktiv aus. Dieser Aspekt war auch Thema des Workshops über das Fantum: Stephanie Rhein (PH Ludwigsburg) interpretiert Fantum als bedeutungsvolle soziale Aktivität im Prozeß des Erwachsenwerdens. Die Welt der Stars vermischt sich in der Wahrnehmung der Fans keineswegs mit ihrer Alltagswelt.
Die Konstruktion von Bildern durch die Medien stand im Zentrum zweier exemplarischer Referate: Franziska Roller und Almut Sülzle (LUI Tübingen) zeichneten in ihrem Beitrag "Vom Riot zum Girlie. Geschlechterstereotypen im Spiegel von Sub- und Massenkultur" das Verwenden von Versatzstücken aus dem kommerziellen wie dem subkulturellen Bereich (Riot) bei der Konstruktion des Typus "Girlie" durch die Medien nach. Der Look der subkulturellen, rebellischen "Riot-Grrrls" wurde teilweise übernommen, nicht aber ihre feministische Botschaft, zu der u.a. gehört, sich nicht von der Presse vereinnahmen zu lassen. Die Riot-Kultur äußert sich in Bands wie Bikini Kill und Team Drash, sie orientiert sich an antisexistischen Werten und hat ihren eigenen Look. Existieren demgegenüber die Girlies eigentlich als reale Alltagsfiguren oder sind sie nur (Medien-) Bild und leerer Look? Steffen Walz (LUI Tübingen) stellte eine Diskursanalyse über den Tod von Curt Cobain am Beispiel der Zeitschrift Melody-Maker vor. Erstaunlich ist die Wandlung des Bildes der Ehefrau Courtney Love innert kürzester Zeit (6 Wochen): Von der trauernden Witwe Cobains wird sie innert weniger Nummern zur starken, eigenständigen Musikerin stilisiert. Ist es ein Zufall, daß in der Nummer über Curts Tod eine farbige Anzeige Courtneys neues Album ankündigt?
Zwei Referentinnen setzten sich mit einer Musikrichtung auseinander. Iris Anna Kötter (Radio Z Nürnberg) sprach über World-Music. In dieser Sparte, die außereuropäische Elemente in die Popmusik integriert, sind Frauen als Musikerinnen und Konsumentinnen sehr aktiv. Handelt es sich dabei um ein multikulturelles Crossover oder um vermarktete Exotika? Geht mit der kommerziellen Instrumentalisierung ethnischer Elemente auch eine Vermarktung der Frau einher? Kann hier von Sexismus und gar von Rassismus gesprochen werden? Die Meinungen in der Diskussion gingen auseinander. Bettina Roccor (Volkskunde Regensburg) schließlich sprach über Geschlechterstereotypen im Heavy Metal. Bei ihrer Untersuchung handelte es sich u.a. um eine teilnehmende Beobachtung, was die Referentin demonstrierte, indem sie selbst ein Touren-Shirt einer Heavy Metal Band trug. Daß Heavy Metal mehr ist als Musik, nämlich ein Lebensstil einer bestimmten sozialen Schicht mit klaren Geschlechterrollen, vermochte Roccor anschaulich vermitteln.
Das berufliche Interesse an populärer Musik verband sich an der Tagung mit einem privaten. Dies zeigte die begeisterte Teilnahme am Abendprogramm, der "Hör- und Sehbar": bei einem Bier spielten wir uns gegenseitig unsere Lieblingsmusik vor. Neben den persönlichen Kontakten, die sich auch immer motivierend auf die eigene Arbeit auswirken, bleiben von dieser kleinen Fachtagung viele inhaltliche Anstöße, gerade auch weil es eine nicht rein akademische Veranstaltung war und der Rahmen die Möglichkeit bot, in informeller Form weiterzudiskutieren.
Beatrice Tobler, Basel
1 Veranstaltet wurde sie von der Friedrich Ebert-Stiftung in Kooperation mit der International Association for the Study of Popular Music (IASPM), dem Ludwig-Uhland-Institut Tübingen und der Akademie der Jugendarbeit Baden-Württemberg, geleitet von Ute Bechdolf, Tübingen, Thomas Münch, Oldenburg und Elmar Haug von der Friedrich Ebert Stiftung Freudenstadt.
[zurück]