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Populäre Lieder. Kulturwissenschaftliche Perspektiven

„Ein verrückter Mega-Ohrwurm hat Computer-Nutzer in der ganzen Welt infiziert“, schreibt Anfang August letzten Jahres ein deutsches Boulevardblatt und informiert damit auch weniger Internetkundige über die neueste musikalische Entdeckung aus dem virtuellen Netz. Dass es sich dabei um ein Volkslied handelt („Finnen-Volkslied dudelt sich zum Mega-Hit im Internet“), wird als die Sensation im Sommerloch 2006 zelebriert. So stammt „der finnische Internet-Ohrwurm, der niemandem durch die Lappen geht“ von einem schriftlich fixierten Volkslied aus den 1930er Jahren, das, im ostfinnischen Dialekt verfasst, von einem jungen Mädchen, Eva, und ihrer Liebesgeschichte erzählt. „Evas Polka“ (levan polkka) wird in den Neunzigern von dem finnischen Vokal-Kantele-Ensemble „Loituma“ aufgegriffen und in einer A-cappella-Version auf CD eingespielt. In Finnland hält es Einzug in die Charts, kann sich zunächst aber nicht in Europa durchsetzen. Erst als die Loituma-Version in der japanischen Trickfilm-Serie „Bleach“ als Hintergrundmusik fungiert und die Gruppe ein Gastspiel im japanischen Fernsehen gibt, verbreitet sich der „schräge Gute-Laune-Volks-Song“ in den Pods und Blogs diverser Internetseiten, vor allem aber über die Videoclip-Seite „YouTube“, und fasziniert User aus der ganzen Welt. Innerhalb kürzester Zeit entstehen einerseits zahlreiche neue musikalische Varianten des Liedes, beispielsweise in den Stilrichtungen Pop, Techno, „Total Gaga“ oder Klingelton, andererseits aber auch privat produzierte Videoclips, die sowohl den Song als auch seine Varianten als Filmmusik weiter verwerten. Begleitet wird der kreative Schaffensprozess von Beginn an von einer lebendigen Diskussion über Sinn und Ästhetik des Liedes in den Foren des Internets.   

Wer annahm, das „Volkslied“ sei im Zuge massenmedialer Verbreitungsmedien verdrängt worden, gar nicht mehr existiert, könnte sich, wie das Beispiel andeutet, irren. Vielmehr, so scheint es, findet es genau hier, im „World Wide Web“, seinen neuen Ort und eine neue Bestimmung. Doch so einfach ist es nicht. Wer sagt eigentlich, dass es sich hierbei um ein „Volkslied“ handelt? Und was ist überhaupt ein Volkslied? Dass das „Volkslied“ nicht mehr aus essentialistischer und letztendlich heuristischer Perspektive der romantisch-bürgerlichen Kreise – im Sinne von Johann Gottfried Herder (1773) und sogar noch 1950 bei Walter Wiora („Das echte Volkslied“) – definiert werden kann, d.h. demnach, was es seinem Wesen nach sei, nach deren Ansicht nämlich „alt“, „wahr“ und „schön“, hat die Forschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt und kritisch angemerkt, dass dies Konstrukte einer bestimmten Zeit- und Kulturauffassung seien (Max Peter Baumann). Aber auch nominale Alternativdefinitionen, beispielsweise Ernst Klusens Begriff vom „Gruppenlied“ (statt Volkslied), die fokussieren wie das Lied bzw. das Singen von Liedern musikalisch im Kontext der Gruppe verstanden werden kann, greifen zu kurz, da einerseits solche Definitionen keine empirisch nutzbaren Informationen beinhalten und somit „nur“ abstrakten Wert besitzen, andererseits die damit bezeichneten Lieder heutzutage nur noch von wenigen Gruppen aktiv und gemeinschaftlich (face-to-face) gesungen werden, hingegen andere individuellere Formen der Rezeption (Zuhören, Mischen, Samplen) wichtiger geworden sind, wie etwa die im Eingangsbeispiel beschriebene Praxis, immer wieder neue Varianten von Liedern über einfache benutzerfreundliche Schnittprogramme auf dem Computer zu entwickeln und diese dann einer anonymen Masse im Internet zur Verfügung zu stellen. Der Rückgriff auf mehr oder weniger spezifische Begriffe wie Chanson, Schlager oder das schlichte „Lied“ hat, angesichts umgangssprachlich vermeintlich eindeutiger Begriffe, die Terminologieproblematik um den Begriff „Volkslied“ nicht unbedingt in ein differenzierteres Licht gerückt. Die Verwendung des Begriffs „Populäres Lied“ statt Volkslied scheint heute immerhin sinnvoller, da durch dessen primäres Kriterium, nämlich die massenhafte Verbreitung dieser Lieder im Alltag breiter Bevölkerungsschichten (vgl. die Studien zur Populärmusik von Peter Wicke), heutige Liedformen (z.B. die bereits im Beispiel erwähnten Stilrichtungen Pop, Techno, „Total Gaga“ oder Klingelton) miteinbezogen, ältere Volklieder jedoch, beispielsweise diejenigen romantischer Prägung, unter dem Aspekt ihrer Popularität in der Historie in den Blick genommen werden. So wäre an dieser Stelle auch die Frage nach der Popularität des finnischen Volksliedes „levan polkka“ im Kontext seiner Entstehungszeit in den 1930er Jahren interessant und könnte einer (vergleichend) historischen Forschung neue Impulse geben, wenngleich der gegenwärtige Blick auf die Restbestände dieses Volksliedes angesichts der Veränderungen im Feld der massenhaften Verbreitung am spannendsten erscheintII. Diese Verbreitung (als hauptsächliches Definitionskriterium für das populäre Lied), in vergangenen Zeiten beispielsweise über Liedersammlungen und Flugblätter, hat sich heute in Richtung einer Verbreitung über die elektronischen Medien verschoben. Dies ist eine Entwicklung, die durch die Präsenz von „levan polkka“ in den Charts als meist gespielter Song im Radio bzw. hervorragend verkaufte CD und später ebenso durch deren zahlreiche Varianten im Internet gut veranschaulicht wird. So sind sowohl die ursprüngliche, orale Tradierung (und damit Verbreitung) von Liedern durch das „einfache Volk“ als auch die folgende massenhaft schriftliche, wie sie nach der Erfindung des Buchdrucks durch Sammlungen und Bücher möglich wurde, – analog zu Niklas Luhmanns Medientheorie (Stichwort „Evolution der Kommunikation“) – heute grösstenteils einer zweiten, „sekundär“ oralen Vermittlung gewichen: einer Vermittlung, die über elektronische Kommunikationsmedien wie Radio, Fernsehen, diverse Tonträger (Schallplatte, MusiCassette, CD), Walkman oder Internet funktioniert, aber eben nicht (wie oftmals getan) aus der mündlichen Tradition ausgeschlossen werden darf (Max Peter Baumann). Das Hören der Internet-Varianten von „levan polkka“ stellt, weil es über den auditiven Sinn funktioniert, tatsächlich eine Form von oraler Übermittlung dar, die allerdings durch technische Medien fixiert wurde (im Internet als Sounddatei) und durch den Rezipienten immer wieder neu fixiert werden kann (z.B. Download auf den MP3-Player). Im Falle der elektronischen Medien verschwimmen die Grenzen zwischen Oralität und Fixierung und lenken den Blick auf andere Aspekte, beispielsweise die Performativität – in der Interaktivität verknüpfen sich Kreation, Rezeption und Reflexion von Musik – oder die Visualität, die vor allem seit Erfindung der Videoclips Mitte der 1980er Jahre eine grosse Rolle spielt und auch im obigen Beispiel in der Kombination des Volksliedes mit selbst gestalteten Kurzfilmen zum Tragen kommt.  

Zudem kann das Lied durch die Bereitstellung individueller Kommunikationsmedien (Schallplattenspieler, Walkman, CD-/MP3-Player statt eines Konzertbesuchs) immer wieder neu und vielfach reproduziert werden, wobei die ereignishafte Einheit von Zeit und Raum (durch die Präsenz des Publikums kristallisiert) in individuelle und virtuelle Räume verlegt wird. Demnach sind die drei Dimensionen eines Medialisierungsprozesses – Entzeitlichung, Enträumlichung und Vervielfältigung von Kommunikation – gegeben (Helmut Schanze): Kann somit das populäre Lied heute als medialisiert bzw. als Medium bezeichnet werden? Und sollte dann nicht auch das historische Volkslied nach den in der Medienwissenschaft definierten Kriterien als Informations-, Artikulations-, Verbreitungs-, Speicherungs- und Wahrnehmungsmittel unter dem Medienaspekt betrachtet werden? Wohl wissend um die Zeit- und Kulturbedingtheit von Definitionen und Konzepten als Konstrukte menschlicher Wahrnehmung und Existenz wollen wir das historische, aber auch das gegenwärtige populäre Lied aus medien- und kommunikationstheoretischer und damit zeitgemässer Sicht beleuchten und neue Perspektiven für die weitere Forschung eröffnen.

Im ersten Fragekomplex („Bausteine einer Theorie des Liedes“), dem sich die Tagung widmen wird, sollen moderne Definitionen der Begriffe „Volkslied“ oder „populäres Lied“ im Kontext medientheoretischer Aspekte versucht, aber auch historische Definitionen aus heutiger Sicht rekapituliert werden. Es soll dabei nach modernen Lied-Termini und Bedeutungen des Genres „Lied“ im Zeitalter von Globalisierung und elektronischer Medien gefragt werden. Kann es heute überhaupt eine sinnvolle Gesamt-Definition von „Lied“ geben? Oder lassen sich andere abstrahierte metatheoretische Ansätze finden, die einen Diskurs perspektivieren bzw. dessen Horizont erweitern (vgl. Luhmanns Schriften zur Systemtheorie)? Diese eben genannten Fragestellungen laufen letztendlich auf ein Problemfeld, nämlich das der Theoriebildung, hinaus: Gibt es eine (neue) Theorie des Liedes oder zumindest theoretische Bausteine, die auf ein modernes Liedkonzept weisen? Und wie könnte dieses aussehen bzw. gedacht werden? sind zentrale Fragen dieses Themenabschnittes. Ebenso soll nach dem Lied als Medium und seinen aktuellen Formen (möglicherweise in Auseinandersetzung zu Luhmanns Unterscheidung von Medium und Form) gefragt werden. Ist das Lied überhaupt ein Medium? Und wenn ja, welche Elemente machen das Lied (Popularität, Funktionalität, Variabilität, Kommunikativität, Assoziativität, Instrumentalität) zum Medium, und welche Inhalte (Narrationen, Existentialien, Werte, Pädagogik) werden in welcher Form medial vermittelt? Wirkt das Lied als kulturelles Gedächtnis, von dem Jan Assmann formuliert, dass es durch Medien fixiert, aber auch durch die Wahl des Mediums in gewisser Weise, weil sinn- und formgebend, konstruiert sei? Dabei können auch andere Funktionen, die Lieder erfüllen, und mögliche Funktionswandlungen betrachtet werden. Ausserdem wäre nach dem Einfluss von Sprache auf das Lied zu fragen, von der Jürgen Habermas behauptet, sie sei das primäre Medium der Gesellschaft, das als zwischenmenschliches Verständigungsmittel soziale Interaktion erst ermögliche, wobei – so ist anzumerken – die Musik (als Geste, „tönend bewegte Form“, Immaterielles oder schlechthin Unsagbares) noch „unter“ der Sprache stehen dürfte und daher existentielle Funktionen übernimmt. Auf der anderen Seite können ebenso der Einfluss von musikalischen Stilmitteln bzw. Parametern (z.B. Zitate und andere mimetische Erinnerungseffekte) auf das Lied als Medium sowie gleichfalls „Relikte“ von Liedern, beispielsweise in Form von nur mehr schemenhaft, per Synthesizer-Klang vermittelten Melodien auf Mobiltelefonen, in den Blick genommen werden. Der Fragekomplex ist offen, sowohl traditionelle Formen von Liedern – d.h. Lieder, die eine gewisse formale Geschlossenheit aufweisen und genuin gesungen werden (z.B. Strophenlied) – als auch stärker performativ tradierte bzw. gepflegte Gesangsformen – beispielsweise Jodel (in seinem traditionellen Kontext als Kommunikation „von Berg zu Berg“), Sprechgesang (Rap, Hip Hop), Karaoke oder kreative Kombinationen von Lied und Bewegungs-Bild – mit einzubeziehen. 

Unterschiedliche Aspekte der Tradierung und Medialisierung von Liedern sollen im zweiten Fragekomplex („Tradierung und Medialisierung von Liedern“) thematisiert werden. Dabei können die schon oben erwähnten Aspekte zur „Evolution der Kommunikation“ angesprochen sowie kritisch hinterfragt und der Paradigmenwechsel, der mit dem Entstehen einer Massenkultur einherging, zu fassen versucht werden, der wohl in zwei Konstituenten der Neuen Medien gipfelt: Interaktivität und Virtualität. Ohne der kulturpessimistischen Annahme zu verfallen, das Lied würde im Zuge massenmedialer Medialisierung an Kraft und Ausdruck verlieren, kann man fragen, welche Möglichkeiten sowie Nachteile sich für das Lied und dessen Rezeption in Prozess der Medialisierung ergeben. Hier sollen auch neue Formen der Produktion (Einspielen, Mischen, Samplen) und des Konsums (Hören, Mitsingen, Downloaden, Nutzen) von Liedern, dargestellt werden. Welchen Einfluss hat die technische und massenmediale Reproduzierbarkeit auf das Lied? Schliesslich soll weniger das Lied selbst als vielmehr dessen mediale Vermittlung über technische Medien (wie z.B. Bücher, Tonträger, Mixtapes, Radio, Fernsehen, Internet, Klingelton) in den Vordergrund gerückt werden. Welchen Stellenwert hat das Lied in den einzelnen, vor allem in den „neuen“ (elektronischen) Medien? In welcher Form sind Lieder in den Massenmedien vertreten? Und wie prägt das Lied die Medien? sind Fragen, die uns anregen sollen zum Denken über das Lied.  

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