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Zur Geschichte des Seminars
Das Basler Seminar wurde auf Antrag der Philosophisch-Historischen Fakultät durch Regierungsratsbeschluss vom 15. September 1961 gegründet. Das war ein wichtiger, aber doch eher formeller Schritt, denn er war weder mit einer Professur noch einer räumlichen, finanziellen und personellen Ausstattung verbunden.
Volkskundliche Institutionen und Aktivitäten gab es in Basel allerdings schon lange: Institut und Bibliothek der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde (die nunmehr auch Sitz des Seminars sein sollten), die Basler Sektion der SGV, die seit ihrer Gründung wissenschaftliche Vortragsprogramme bietet, sowie die Abteilung Europa des Völkerkundemuseums (jetzt Museum der Kulturen). Sie alle gingen auf Initiativen von Eduard Hoffmann-Krayer (1864-1936) zurück. Dieser hatte, 1900 als Professor für Germanistik an die Universität berufen, seine Antrittsvorlesung erstaunlicherweise über „Volkskunde als Wissenschaft“ gehalten (ein Text von grundsätzlicher Bedeutung für die Fachgeschichte); er hielt in der Folge auch gelegentlich volkskundliche Veranstaltungen. Neben seinen Museums- und Vereinspflichten und der Redaktionstätigkeit für das Schweizerische Archiv für Volkskunde (der Zeitschrift der SGV) war er besorgt um die internationale wissenschaftliche Vernetzung der jungen Disziplin und Promotor wichtiger Grundlagenwerke wie der Internationalen Volkskundlichen Bibliographie und des Handwörterbuchs des deutschen Aberglaubens. Die ersten volkskundlichen Dissertationen
(A. Stoecklin, P. Geiger) entstanden auf dem um 1910 theoretisch progressivsten Gebiet, der Volksliedforschung, unter John Meier, Professor in Basel bis 1912.
Trotz dieses glanzvollen Starts zu Beginn des 20. Jahrhunderts verlief die weitere Entwicklung nur sehr zögerlich, unter Obhut der Germanistik (wie fast überall), der Altphilologie unter dem einflussreichen Karl Meuli (1891-1968) und der mittelalterlichen Schweizergeschichte, wie sie Hans-Georg Wackernagel (1895-1967) vertrat. Dieser war denn auch von 1961 bis 1965 der erste Vorsteher des Seminars. 1939 hatte sich Paul Geiger (1887-1952) als erster in Basel ausschliesslich für Volkskunde habilitiert; seit jenem Jahr gab es bis in die neunziger Jahre kontinuierlich das legendäre „Volkskundliche Kränzchen“, eine Art interdisziplinäres Kolloquium. Als Geiger 1952 nach langer Krankheit starb, hielt Richard Weiss, erster schweizerischer Volkskunde-Professor, von Zürich aus das Fach in Basel am Überleben, veranstaltete auch die ersten Exkursionen. 1955 habilitierte sich Hans Trümpy (1917-1988). 1957 endlich erhielt die Volkskunde die Anerkennung als Prüfungsfach; Meuli gab seinen zähen Widerstand dagegen auf, als sein Schüler Paul Hugger sich der Promotion näherte. Seit 1962 kann von einem hinreichenden Lehrangebot mit Seminaren und Vorlesungen nach Plan gesprochen werden. 1965 wurde aus Mitteln des Nationalfonds eine ordentliche Professur eingerichtet und mit Hans Trümpy besetzt. Das Seminar erhielt nun auch eine 12-stündige Hilfsassistenz und eine 50% Sekretariatsstelle, die zunächst voll dem Institut zur Verfügung gestellt wurde. Die erste Stelleninhaberin war Elsbeth Liebl (Dr.h,c,); ihr folgte lic.phil. Ernst J. Huber, der später als vollamtlicher Bibliothekar in die Dienste der SGV ans Institut übertrat; ohne beider tatkräftige Unterstützung vor allem in der Beratung der Studierenden hätte das Seminar seinen Pflichten nie nachkommen können.
Hans Trümpy war in Lehre und Forschung eher historisch ausgerichtet, er hielt auf philologische Strenge, hatte einen Schwerpunkt in der Erzählforschung und konzentrierte sich (ohne enge Grenzziehungen) auf schweizerische Kultur, bemühte sich aber stets, dem Anspruch einer Einführung in alle Fachgebiete und auch der Auseinandersetzung mit der Gegenwart gerecht zu werden. Gerne hielt er Veranstaltungen mit Kollegen aus anderen Fächern, was ohne Zweifel zur Anerkennung und Integration des Fachs viel beitrug. Einmalig für die ganze Universität waren seine regelmässigen Lektürekurse lateinischer Humanistentexte. Wie vor ihm Meuli amtete auch er 8 Jahre lang als Präsident der SGV.
Mit seiner Emeritierung 1987 wurde das Ordinariat gestrichen, aber schliesslich ein in einem anderen Fach frei gewordenes vollamtliches Extraordinariat für die Volkskunde umgewidmet und per 1. Oktober 1988 mit Christine Burckhardt-Seebass besetzt. Damals wurde auch zum erstenmal eine 50% Assistenz bewilligt und der Seminarkredit in bescheidenem Mass erhöht. Die Umwandlung der Professur in ein (der Funktion entsprechendes) Ordinariat nahm der Universitätsrat erst 1999 vor. Das schon zu Trümpys Zeiten eingeführte Lektorat für Museumsarbeit brachte wichtige Verbindungen zu verschiedenen Museen und anderen Praxisfeldern. Von 1988 an wurden über Erasmus, EUCOR und Mitteln aus privaten Stiftungen das Lehrangebot in jedem Semester auch durch auswärtige Dozierende erweitert und regelmässig Doktorandenkolloquien durchgeführt. (1990 hatte Hermann Bausinger die Besuchsprofessur der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft inne.) Dies war nicht zuletzt Ausdruck einer konsequenten fachlichen Öffnung auf Europa hin, dem auch die ergänzte Benennung in „Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie“ entsprach. Im Zusammenhang der Wahl von Christine Burckhardt-Seebass zur Dekanin (als erste Frau in der Geschichte der Fakultät) konnte die Assistenz im Jahr 2000 endlich auf 100% erhöht werden. Das Raumproblem, das den Seminarbetrieb seit 1961 ganz erheblich belastet hatte, fand durch den Umzug von der Augustinergasse 19 auf die Lyss im Jahr 1998 eine befriedigende Lösung.
Im Herbst 2001 ging die Leitung des Seminars in die Hände von Walter Leimgruber über.
Am 20.09.2005 fand die Umbenennung des Seminars in "Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie" statt.
Text: Prof. Dr. Christine Burckhardt-Seebass |
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