Gender

Noch immer leben wir in einem gesellschaftlichen Umfeld, in welchem Männer die Normalität und Frauen die ‚Ausnahme’, die Abweichung, darstellen. Noch immer sollen Mädchen sich mitgemeint fühlen, wenn von Schülern die Rede ist, resp. müssen sie selber erkennen, wann sie nicht angesprochen sind.

Durch die Frauenforschung wurde die scheinbare Neutralität der Schule in Geschlechterfragen in Frage gestellt: Es wurde erkannt, wie stark Schülerinnen und Schüler und Lehrpersonen durch Geschlechterrollenstereotype geprägt sind. Es wurde dargelegt, dass im koedukativen Unterricht die Jungen die Schulklasse dominieren und die Aufmerksamkeit der Lehrkräfte binden, und dass Mädchen in koedukativen Schulklassen in naturwissenschaftlichen Fächern schlechtere Leistungen zeigen und eine traditionellere Berufswahl treffen als Mädchen in reinen Mädchenklassen: sie lernen offensichtlich gründlich, was sie zu können haben und was nicht. Es wurde sichtbar gemacht, dass Schulbücher die Frauen vorwiegend in traditionellen und machtlosen Rollen darstellen. Und es wurde darauf hingewiesen, dass auch im Schulbereich vor allem Männer Leitungspositionen übernehmen. Manche Stimmen weisen darauf hin, dass neuere Unterrichtstechniken wie z.B. Gruppenarbeiten die scheinbar starken und bevorteilten Jungen überfordern.

Die Pädagogik steht vor der Herausforderung, wie sie mit den bestehenden Ungleichheiten umgehen will, ohne mit einem Gleichheitsanspruch in Gleichmacherei zu verfallen. Forderungen, welche auf die Gleichstellung von Männern und Frauen und auf die Eroberung traditionell männlicher Lebensbereiche durch Frauen zielen (z.B. durch geschlechtergetrennte Klassen) entwerten implizit den weiblichen Lebenszusammenhang und benennen die Stärken von Mädchen in Defizite um. Es bleibt die offene Frage, wie die Schule die Stärken von Jungen und Mädchen anerkennen und sie diese in ihren Schwächen fördern kann, ohne ihre Heterogenität nivellieren zu wollen.