Nach heutigem Kenntnisstand wird die echte Myrrhe (Somalia-Myrrhe, Heerabolmyrrhe) aus einem bis zu 3 m hohen, sparrig verzweigten, dornigen Baum gewonnen. Das Hauptverbreitungsgebiet der Myrrhe liegt im jemenitischen Hochland und im hadramitischen Gebirgsbogen in Somalia und Äthiopien.
Der Name Myrrhe leitet sich vom bitteren Geschmack des Harzes ab, das wie Weihrauch durch Anschneiden der Rinde gewonnen wird. Bis zu 200 andere Commiphora-Arten liefern vergleichbare Harze, die ebenfalls als Myrrhearten im Handel sind.
Myrrhe findet wie Weihrauch vorwiegend kultische Verwendung als Räuchermittel. Es wurde im alten Ägypten auch zu Einbalsamierungen verwendet und wird wegen seines Wohlgeruchs hochgepriesen. Myrrhe galt als kostbares Geschenk, das in der Bibel nicht nur anlässlich Christis Geburt, sondern auch im Zusammenhang mit seinem Tod Erwähnung findet. Aus Mitleid wird Jesus auf seinem Weg nach Golgatha von jüdischen Frauen ein mit Myrrhe versetztes, betäubendes Getränk angeboten, um seine Qualen zu lindern. Dies verweist auf die vielfältige Verwendung der Myrrhe und von Myrrhesalben als Heil- und Desinfektionsmittel, als Kosmetikum und Narkotikum bis in die heutige Zeit.
Neuere Untersuchungen fanden bei Inhaltsstoffen der Myrrhe nicht nur antimikrobielle, sondern auch krebshemmende Wirkungen. Myrrhe wird zur Hauptsache von nomadischen Sammlern gewonnen. Auf Grund des niedrigeren Preises erreicht die Myrrhe-Sammelwirtschaft am Horn von Afrika nicht die gleiche ökonomische Bedeutung wie der Handel mit Weihrauch.
Jürg Stöcklin, Text zur Ausstellung «Wegzehrung - Pflanzen am Lebensweg des Menschen» (1. Juni–29. Sept. 1996)
|